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| Geburtsverletzungen - Dichtung oder Wahrheit |
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Original eines Fachartikels der nach redaktioneller Überarbeitung veröffentlicht wurde in der: Deutsche Hebammen Zeitschrift 11/2011 unter der Rubrik: 1. Lebensjahr Stefan Schmitt, MSc stellt aus seiner langjährigen Erfahrung als Osteopath Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Geburtsverletzungen (Form- und/oder Spannungsstörungen am Schädel, am Rumpf und am Becken) beim Kind dar. Die Überlegungen beruhen auf anatomischen und mechanischen Beziehungen, embryologischen Gegebenheiten und deren Kombination. Der Autor plädiert dafür, mit einigen Mythen bezüglich der Ursachen kindlicher Probleme aufzuräumen Die ersten Lebensmonate sind nicht allein für die Neugeborenen und deren Eltern, sondern auch für alle professionell mit der Pädiatrie beschäftigten Personenkreise eine Zeit voller Herausforderungen. Im Kreißsaal werden die Weichen gestellt, die darüber entscheiden, wie diese Zeit der Anpassung an das Erdenleben für alle Beteiligten verläuft. KinderärztInnen, Nachsorgehebammen, PhysiotherapeutInnen und OsteopathInnen stehen hier an vorderster Front und unterstützen die Eltern nach Kräften. Abhängig vom Standpunkt der einzelnen Ansprechpartner erhalten ratsuchende Eltern allerdings deutlich unterschiedliche Empfehlungen. Dies hat im Wesentlichen mit dem Grad der Bedeutung zu tun, der einer Geburtsverletzung beigemessen wird. Ursache und Wirkung gilt es hier auseinander zu halten. Weder dem Kind noch den Eltern ist mit Verlegenheitsdiagnosen wie „Dreimonatskoliken“, „Spuck- und Schreikind“ oder „übervorsichtiges Handling bei zu Hysterie neigenden Müttern“ geholfen. Eingehende Ursachenforschung ist das Gebot in dieser Phase und da helfen Tipps wie „dann lassen sie es halt mal schreien“ und „das verwächst sich“ den verunsicherten Eltern nicht wirklich weiter (Bahnemann 1986). Die Frage muss lauten, in welcher Weise der Geburtsverlauf vor dem Hintergrund des Schwangerschaftsverlaufs ursächlich für die Anpassungsschwierigkeiten des Säuglings verantwortlich ist. Ein untröstlich weinendes Kind legt es wohl nicht darauf an, die Belastbarkeit des elterlichen Nervenkostüms auf die Probe zu stellen. Fachleute sind gefragt und in der Praxis zeigt sich, dass gut aufgeklärte Eltern leichter mit dieser schwierigen Lebensphase umgehen und sich weniger mit Selbstzweifeln plagen. Untersuchungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Baby mit ausgeprägten Anpassungsstörungen zu bekommen, unabhängig von der Erfahrung der Eltern ist. Stundenlanges exzessives Schreien belastet die Eltern-Kind-Beziehung und effektive Hilfe für das Neugeborene entschärft die Situation.
Mechanische Aspekte Jede Form- und/oder Spannungsstörung des Schädels, der Rippen und des Beckens, welche sich nicht bis zum 14. Tag nach der Geburt zurückgebildet hat, muss als Geburtsverletzung angesehen werden, Beeinträchtigungen der Mobilität der Schädelknochen, der Wirbelgelenke, der inneren Organe und des Kreuzbeines ebenfalls. Diese Verletzungen sind allesamt unblutig und imponieren deshalb naturgemäß weniger deutlich als blutige Blessuren. Auch liefern sie anfänglich kein neurologisches Derivat und sind so im Rahmen der U1- und U2-Untersuchung nur schwer oder gar nicht erkennbar. Die Funktions- bzw. Spannungsstörungen der inneren Organe, der Rippengelenke und des Kreuzbeines sind nur durch manualtherapeutische Untersuchungsmethoden zu entdecken, während eine Schieflage des Kopfes auch für den Laien auffällig ist. Neben der Abflachung einer Hinterkopfseite ist meist auch eine deutliche Asymmetrie der Gesichtshälften erkennbar. Diese Verformung allein der zur Zeit favorisierten Rückenlage zuzuschreiben, greift aber zu kurz, da in den Kulturen, in denen die Rückenlage für Säuglinge eine lange Tradition hat, meist ein abgeflachter Hinterkopf zu beobachten ist, nicht aber eine Gesichtsasymmetrie. Diese als Plagiocephalie beschriebene Asymmetrie zeigt sich als rhombusartige Verschiebung des gesamten Kopfes. Auf der Seite der Abflachung des Hinterkopfes ist das Jochbein dominant und der Abstand der Augen zum Nasenbein ist unterschiedlich groß. Bei der Betrachtung von hinten fällt eine unterschiedliche Position der Ohren in der horizontalen und/oder vertikalen auf. Die Kinnspitze weicht meist zur Gegenseite aus und das Stirnbein steht auf der gleichen Seite vor. Häufig finden sich daneben unterschiedlich große Augen. Der erste Halswirbel ist zur Gegenseite verschoben und das Kind zeigt eine bevorzugte Kopfrotation zur flachen Seite, dies aber mehr wegen der Halswirbelverschiebung als wegen der Abflachung. Ein zentrales Problem dieser Fehlstellung ist die meist kombiniert auftretende Verschiebung der Mittellinie des Gaumens. Auch bei regelrechter Zahnanlage ist eine korrekte Verzahnung nicht zu erwarten und der spätere Besuch beim Kieferorthopäden programmiert. Die Mittellinienverschiebung setzt sich über die Knochen der Schädelbasis bis in den Hinterkopfknochen fort und erhält die Asymmetrie. Besonders problematisch ist hierbei, dass sich die Schädelknochen bezüglich ihrer embryologischen Entwicklung in zwei Gruppen differenzieren lassen. Die Knochen des Deckschädels entstehen aus Bindegewebe, während die Knochen der Schädelbasis aus einer Knorpelanlage entstehen, die eine deutlich höhere Grundfestigkeit aufweist. Aus diesem Grund kann die Expansionskraft des Gehirnwachstums kaum zu einem Ausgleich der Asymmetrie beitragen, im Gegenteil, der Kopf wächst in Richtung der Asymmetrie – Fehlstellungen in der oberen Halswirbelsäule und im Hinterkopfknochen verfestigen sich. Es empfiehlt sich, den Kindern einen kirschförmigen Schnuller mit großem Volumen zu geben, um so die Mobilität der Wachstumsfuge des Oberkiefers zu verbessern. Dies gilt auch für gestillte Kinder, da das Beruhigungssaugen das nährende Saugen unterstützt. Die Meinung, dass sich „das noch verwächst“ lässt die günstige Zeit für eine Korrektur leider allzu oft ungenutzt verstreichen und führt im zweiten Halbjahr des ersten Lebensjahres häufig zur Notwendigkeit massiverer Interventionen zur Korrektur bestehender Fehlstellung mittels dynamischer Kopforthese, auch als Helmtherapie bezeichnet. Zu empfehlen ist diese Korrekturoption bei unbeeinflussbaren Verfestigungen, die auf Lagerung, Physiotherapie und osteopathische Intervention nur ungenügend oder gar nicht ansprechen. Bei einem „Ear Shift“ (der abweichenden Stellung der Ohren) von mehr als eineinhalb Zentimeter, welcher bei wiederholten Messungen in monatlichem Abstand konstant bleibt, ist die Helmtherapie indiziert, um Beeinträchtigungen der Gleichgewichtsentwicklung, der Fein- und Grobmotorik, der allgemeinen sensorischen Reizverarbeitung sowie der Wirbelsäulenposition vorzubeugen. Diese mechanischen Beeinträchtigungen beziehen sich direkt auch auf die Ruhelage der Zunge. Das Aufhängungssytem der Zunge ist wesentlich abhängig von der Position der Schläfenbeine, da das Zungenbein über Muskeln und Bänder mit dem Schläfenbein verbunden ist. Einseitige Spannungen führen zu einer Ausweichbewegung während des Trinkens, wodurch sich die Trinkdauer, wegen schlechterer Effektivität, deutlich verlängert. Von offenen blutigen Mamillen und Milchstau bis hin zur Brustentzündung können die betroffenen Mütter ein Lied singen. Im Rahmen der Stillberatung ist insofern dem kindlichen Zungenschlag höchste Aufmerksamkeit zu widmen und bei Bedarf, rasche osteopathische Intervention geboten.
Neurologische Aspekte Häufiger Schluckauf und ausgeprägte Schreiphasen vergesellschaften sich gern mit Verdauungsproblemen. Die Ursache dieser kombinierten Symptomatiken findet sich im vegetativen Nervensystem, da der Hauptnerv für die Bauchorgane der Nervus Vagus, der zehnte Hirnnerv, ist. Spannungsstörungen der oberen Halswirbelsäule und der Schädelbasis wirken direkt auf den Hirnstamm, den Ursprungsort aller Hirnnerven, und führen zu Irritationen. Kolikartige Bauchschmerzen sind die Folge. Direkte Nachbarn des N. Vagus sind die Zungennerven, N. Hypoglossus und N. Glossopharyngeus, die die Motorik der Zunge steuern und im Falle des N. Glossopharyngeus den Schädel durch die gleiche Öffnung wie der N. Vagus (Foramen jugulare) verlassen. Irritationen zeigen sich durch schmatzende Geräusche beim Stillen und häufiges Loslassen der Mamille. Dass sich z.B. der Zungenschlag nach der Behandlung innerhalb einiger Tage deutlich bessert, berichten Mütter regelmäßig; damit ist vorzeitiges Abstillen meist kein Thema mehr. Für das Erleben der Eltern steht eine hohe Luftmenge, die vermeintlich während des Trinkens verschluckt wurde, im Bauch des Kindes im Vordergrund und die Aussage „Das Baby hat Blähungen“ ist ein häufiger Konsultationsgrund. Untersuchungen zeigen aber, dass sich die Luftmenge im Bauch bei ausgesprochen ruhigen und zufriedenen Kindern nicht von der Menge bei exzessiv schreienden Kindern unterscheidet. Jedoch scheint derzeit der Begriff „Blähungen“ fest im Vokabular einiger Fachdisziplinen verankert zu sein, so dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, bis dieser Erklärungsversuch als Relikt vergangener Zeit zu den Akten gelegt werden kann und die Erkenntnisse der Neurobiologie dort Einzug halten. Ein wesentlicher Erkenntnisschritt ist den Neurobiologen zu verdanken, die sich mit dem Aspekt der – evolutionär betrachtet – recht neuen Erfindung des Großhirns beschäftigen. Der Reifeprozess des Gehirns braucht von der Befruchtung an gerechnet etwa 360 Tage und dauert bis zum Ende des zweiten Lebensjahres fort. Die Anzahl der Nervenzellen im Gehirn deckt sich bei der Geburt mit der des erwachsenen Gehirns, nur die Zahl der internen Verschaltungen ist beim Neugeborenen um ein vielfaches höher, was das gesamte Nervensystem zu einem leicht zu störenden und leicht zu irritierenden System macht (Moore 1996). Die Schwangerschaft endet jedoch nach 280 Tagen, und die Zeitdauer bis zur Ausreifung des Nervensystems deckt sich auffällig mit dem Zeitfenster der vielbeschriebenen Dreimonatskoliken. Natürlich lässt sich dieses Zeitfenster nicht abkürzen, jedoch macht das Lösen zusätzlicher Spannungsprobleme im Nacken, im Bauch und im Kopf die Anpassung leichter.
Gastrointestinale Aspekte Die Besiedlung der Darmschleimhaut ist ein Prozess, der einige Wochen in Anspruch nimmt. Der beim Neugeborenen weitgehend sterile Darm wird durch den Kontakt mit mütterlicher Schleimhaut während der Geburt (Vaginal- und Darmschleimhaut) und beim ersten Anlegen durch den Hautkontakt kolonisiert. Bei gestillten Kindern bildet sich eine Bifidus-Lactobazillus-Flora, welche als Darmprotektiv angesehen wird. Die spezielle Zusammensetzung der Muttermilch, insbesondere die Oligosaccaride, sorgt für eine gute Vermehrung dieser Keime in der kindlichen Darmflora und schützt vor pathogenen Keimen. Die Nahrungsmittelindustrie bietet umfangreich pro- und prebiotische Fertignahrung als Ersatznahrung an und supplementiert diese mit Oligosaccariden. Dies hat sich in Studien als wirksame Maßnahme für die gesunde Schleimhautentwicklung erwiesen (Veitl 2011). Eine optionale Substitution mit probiotischen Bakterien in Tropfen- oder Granulatform erfreut sich zunehmender Beliebtheit und scheint einen positiven Effekt auf die Abwehr von beispielsweise vergrünenden Streptokokken zu haben. Streptokokken sind zwar ein physiologischer Teil der Rachenflora, verursachen aber bei überschiessender Vermehrung im Darm die charakteristische grüne Färbung. Bei grasgrünem Stuhlgang bringt die möglichst frühe Substitution mit Probiotika sowohl bei gestillten als auch bei Flaschenkindern schnell eine reguläre Stuhlfärbung. Nicht tot zu kriegen ist die Ansicht, dass der grüne Stuhlgang bei Säuglingen vom Fencheltee herrühre den die Mutter verzehrt . Hier drängt sich die Frage auf, ob denn der Stuhl blau wird wenn die Mutter Heidelbeeren isst. In der Praxis ist das eher nicht zu beobachten. Die zur Milchverdauung benötigte Säuremenge wird in Abstimmung zwischen dem Magen, dem Dünndarm und der Bauchspeicheldrüse produziert und im Zwölffingerdarm durch Bicarbonat aus der Bauchspeicheldrüse wieder gebunden. Also ein neurologischer Rückkopplungskreislauf mit direktem Bezug zur Nervensystem- und Organentwicklung. Ein zuviel an Magensäure bei relativem Mangel an Bicarbonat und Verdauungsenzymen lässt unverdaute Milch im Darm gären. Die entstehenden Gase blähen den Bauch auf und die Säure reizt die Darmschleimhaut. Das Gebot der Stunde ist also die Unterstützung der Bauchspeicheldrüse. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Unwirksamkeit von den gerne verordneten Schaumlösern verschiedener Hersteller. Da gestillte Kinder genauso oft mit Bauchschmerzen geplagt sind wie Flaschenkinder erhebt sich die Frage, an welcher Stelle während des Stillens Schaum entsteht, um diese Maßnahme zu rechtfertigen. Gemeinsam ist den am Markt führenden Produkten ihre Süße aber keines dieser Mittel hilft der Bauchspeicheldrüse genügend Bicarbonat zu produzieren, um die überschüssige Magensäure effektiv zu eliminieren. Nach meiner Erfahrung kann dies nur Aethusa D6, der Gartenschierling. Risiko der Sectio Eine beklagenswerte Entwicklung der letzten 20 Jahre ist die ungeheure Zunahme an chirurgischen Entbindungen. Besteht ein Risiko für Mutter und/oder Kind, so ist die Beendigung der Geburt durch eine Sectio unzweifelhaft die richtige Entscheidung. Falsch ist es dagegen, den Kaiserschnitt als sanfte Geburt zu propagieren. Die Anpassungsprobleme nach Wunschkaiserschnitt haben vielfältige Aspekte. Der erste Atemzug des Neugeborenen bleibt durch das fehlende Adrenalin und die fehlende Kompression ineffektiv und die Belüftung der Lunge unvollständig. Die zu hohe Fruchtwassermenge verhindert eine vollständige Entfaltung der Lunge, und regelmäßig finden sich deutliche Bewegungseinschränkungen der Rippengelenke, bevorzugt der rechten Körperseite. Die erhöhte Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen ist so begründet. Die fehlende Kompression im Geburtskanal wirkt sich negativ auf die Dynamik der Schädelknochen aus, und der Zug am Kopf hinterlässt auffällig häufig Blockierungen in den mittleren Abschnitten der Halswirbelsäule. Idealerweise sollten per Sectio geborene Kinder bereits im Krankenhaus die erste Behandlung für die Rippen, den Schädel und die Wirbelsäule erhalten. Daneben besteht für die Mutter das gleiche Operationsrisiko wie bei jeder anderen Bauchoperation.
Lösungsansätze Eine osteopathische Konsultation beginnt mit der Befragung der Eltern zum Verlauf von Schwangerschaft und Geburt. Befunde des Kinderarztes und der Nachsorgehebamme werden abgefragt. Die Untersuchung des Neugeborenen umfasst den gesamten Körper. Spannungsfelder werden mit dosierten Mobilisationstechniken aufgelöst und die freie Beweglichkeit verspannter Strukturen wieder hergestellt. Die adäquate Mobilität des ersten Halswirbels und in der Folge der gesamten Wirbelsäule wird über die Korrektur der Spannungsfelder auf dem Hinterkopfknochen erreicht. Es bedarf keiner Manipulation am Wirbel selbst. Daneben erreicht man eine merkliche Verbesserung der verspannten Halswirbelsäule durch die manuelle Mobilisation der Aufhängungssysteme von Dünndarm und Leber (Radix mesenteri und Lig. Falciforme). Die Behandlungsdauer bei einem Neugeborenen liegt etwa bei 20 bis 30 Minuten. In der Regel genügen zwei Behandlungen im Abstand von etwa vier Wochen. Das Lösen der Bauchsymptomatik wird effektiv durch die Gabe von Aethusa D6 unterstützt. Als Dosierempfehlung nehmen stillende Mütter drei Globuli vor dem Anlegen und das Baby bekommt zwei Globuli nach der Mahlzeit. Meist genügt eine Woche der Anwendung, um den Bauch zu beruhigen. Neben den Empfehlungen für die mütterliche Ernährung hat es sich bewährt, während der Stillzeit gänzlich auf Kaffee zu verzichten. Viele Kinder reagieren auf die Röststoffe, weshalb auch koffeinfreier Kaffee ausscheidet.
Bei gestillten Kindern kann sich eine Phosphormangelrachitis ausprägen. Diese lässt sich verhindern, indem die Mütter Omega 3 Fettsäuren als Nahrungsergänzung einnehmen. Eine Kalziummangelrachitis ist auf ungenügende Lichtexposition zurückzuführen, da Vitamin D über das Sonnenlicht aus dem Provitamin D in der Haut produziert wird. Der tägliche Spaziergang an der frischen Luft wirkt vorbeugend. Neuere Untersuchungen weisen auf eine flächendeckende Unterversorgung der Gesamtbevölkerung mit Vitamin D hin. Weitere Veröffentlichungen zur Frage der Substitution bleiben abzuwarten. Der Kalziumgehalt in adaptierter Milch ist fast doppelt so hoch wie in der Muttermilch und damit mehr als ausreichend. Die verschiedenen Fachgesellschaften für Ernährung geben unterschiedliche Empfehlungen, und diese Diskussion geht schon 20 Jahre, ein Ende ist nicht in Sicht. Eingedenk der Tatsache, dass sich die kindlichen Nieren mit dem Ausscheiden überschüssiger Mineralstoffe sehr schwer tun, sollte man die Gabe von Kalzium kritisch hinterfragen. Fluor benötigen die Zähne erst ab dem vierten Lebensmonat, und auch hier kommen Studien zu dem Ergebnis, dass fluoridierte Zahnpasta besser wirkt als die orale Einnahme. Eine Empfehlung auszusprechen, ist insofern äußerst schwierig. Zu Diskutieren ist dieses Thema mit dem Kinder- und/oder Zahnarzt. Bei langen Schreiphasen und hartnäckiger motorischer Unruhe empfiehlt es sich, das Kind regelmäßig zu pucken. Ein Verfahren, das unsere Großmütter bereits zu schätzen wussten und das bei korrekter Pucktechnik seine Wirkung nicht verfehlt. Eine Anleitung ist auf meiner Homepage verlinkt. Die Umstellung der Nahrung auf Hypoallergen oder Anti-Reflux ist in den meisten Fällen wirkungslos, es sei denn, das Kind hat eine wirkliche Laktoseintoleranz oder gar eine Milcheiweißallergie, was aber äußerst selten ist.
Zusammenfassung Geboren werden ist kein Spaziergang. Für die Eltern und das Neugeborenen bricht eine Zeit kaum vorstellbarer Veränderung an. Die Vorfreude war riesengroß aber anstatt einen kleinen Sonnenschein mit nach Hause zu nehmen verbringt man Tage und Nächte mit einem herz- und nervenerweichend weinenden Kind. So hatte man sich das nicht vorgestellt. Täglich nimmt die Unsicherheit zu und die gut gemeinten Ratschläge aus der Umgebung sind alles andere als Hilfreich. Mit fundiertem Halbwissen erklären nahe und ferne Verwandte die erzieherischen Fehler und mahnen zu strengerem Umgang mit dem vermeintlich bereits verwöhnten Sprössling. Die Suche nach kompetenter Hilfe gleicht einer Odyssey zwischen Krankenhaus, Kinderarzt, Schreiambulanz und Hebamme. Die im Artikel dargestellten Zusammenhänge sind hinlänglich publiziert und im Kreis der Manualmediziner unstrittig. Wünschenswert für die Zukunft wäre eine tiefere Verankerung der Manuellen Medizin in den Lehrplänen der Hebammen in Aus- und Weiterbildung sowie bei der pädiatrischen Facharztausbildung. Der Umstand, dass im Bereich der biologischen Diagnostik und Therapie hervorragend gearbeitet wird darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch so etwas wie den mechanischen Menschen gibt.
Ein komplexes Thema auf Artikelgröße zu schrumpfen ist eine Herausforderung. Dennoch habe ich den Versuch unternommen, die Zusammenhänge die mir in meiner täglichen Praxis begegnen darzustellen und die Hintergründe aufzuzeigen. Im Tenor sollte klar geworden sein, dass alle Neugeborenen -mehr oder weniger- an den gleichen Anpassungsschwierigkeiten leiden. Das Nervensystem und der Magen-Darmtrakt benötigen ihre Zeit und regelmäßig Unterstützung von außen. Das zentrale Anliegen ist jedoch das Augenmerk der Profis in der Pädiatrie auf Lageanomalien, Formabweichungen und Spannungsstörungen zu lenken. Ähnlich wie Hebammen, Krankenschwestern und Kinderärzte ein augenärztliches Konsil bei hartnäckig verstopftem Tränenkanal empfehlen, sollten man den Eltern die Möglichkeiten der Osteopathie nicht vorenthalten, ist doch das osteopathische Konzept die mechanische Seite der biologischen medizinischen Medaille und kein Widerspruch hierzu.
Fallbeispiel Leonie, geboren am 01.05.2011 als erstes Kind nach vollendeter 39.ster Schwangerschaftswoche. Den Verlauf der Schwangerschaft beschreibt die Mutter als unkompliziert, abgesehen von starker Übelkeit im ersten Trimenon. Nach 15 Stunden im Kreißsaal wird die Geburt unter Zuhilfenahme von Saugglocke und schließlich Geburtszange beendet. Bereits zur U1 fällt eine starke Verformung des Köpfchens, vor allem im Bereich der Schläfenbeine auf. Der Versuch Leonie anzulegen misslingt, und auch die Ernährung per Flasche gestaltet sich mühsam. Die Mutter spricht von einer Trinkdauer von mehr als einer Stunde bei einer Trinkmenge von 60 bis 70 Gramm. Leonie nimmt nur ungenügend zu und wird in der zweiten Lebenswoche stationär behandelt und per Sonde ernährt. Die Trinkschwäche persistiert. Zur osteopathischen Konsultation am 08.06.2011 sind die Eltern sehr besorgt. Bei der Untersuchung zeigt sich eine starke Kompression der Sutura Squamosa beidseits sowie am Okziput. Der erste und dritte Halswirbel sind in einer Seitneigung nach links blockiert, die gesamte Nackenmuskulatur ist unter hoher Spannung. Die rechte Thoraxhälfte ist unbeweglich und Leonie atmet mit ihren vorderen Halsmuskeln mehr als mit dem Zwerchfell. Daneben fällt eine starke motorische Unruhe mit deutlicher Tendenz zur Überstreckung auf. Ich beginne die Behandlung mit Entspannungstechniken für das Zwerchfell und die Rippen. Nach einigen Minuten atmet Leonie tiefer und ruhiger. Als nächstes werden die Schläfenbeine und das Okziput mobilisiert. Die hohe Spannung lässt nur sehr langsam nach. Nach ca. 20 Minuten dreht Leonie selbst den Kopf nach links – zum ersten Mal-- sagt die Mutter. Abschließend folgt die Entspannung von Muskulus und Ligamentum stylohyoideus. Nach weiteren 10 Minuten hat sich die Ruhelage der Zunge weitgehend entspannt. Das mitgebrachte Fläschen mit 80 ml Inhalt trinkt Leonie noch in der Praxis in 15 Minuten.
Links
Literatur Moore, Keith L.: Grundlagen der medizinischen Embryologie; Stuttgart, Enke Verlag 1996:S.162-165 Veitl, V.: Präventive Aspekte der Darmflora bei Säuglingen;www.kup.at/kup/pdf/4039.pdf Kaiserschnittrate mittlerweile bei 32 %: www.cecu.de/gesundheit-nachrichten+M5f3d54e5434.html Bahnemann,F.: Über die Bedeutung der Zusammenhänge zwischen dem Geburtsvorgang und den mit Schädelverformungen und Gesichtsasymmetrien korrelierenden Kieferanomalien; Fortschr.Kieferorthop.47(1986),S:229-233 (Nr.3)
Der Autor Nach der Grundausbildung 1983 in der Physiotherapie folgten umfangreiche Weiterbildungen im Bereich der Manuellen Therapie die schließlich 1995 bis 2000 mit derAbsolvierung der Osteopathie-Ausbildung in Wiesbaden eine neue Qualität bekamen. In den neunziger Jahren entwickelte sich der Praxisschwerpunkt „Kinderbehandlung“ nach manualtherapeutischen Behandlungsansätzen. Zwischen 2004 und 2006 folgte dann die Ausbildung in KInderosteopathie in Hamburg. Schließlich wurde mit der Immatrikulation an der Donau-Universität in Krems 2009 der Grundstein für einen universitären Abschluss gelegt. Am 20.02.20011 wurde die Master-These an der Universität verteidigt und der akademische Grad des Master Of Science der Osteopathie verliehen. Der Autor praktiziert seit 1987 in eigener Praxis und seit 1998 in osteopathischer Privatpraxis in Konz
Stefan Schmitt MSc Am Kirschberg 1 54329 Konz Tel.: 06501-602860
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